Heimat- und Kulturkreis Jettenbach e.V. 
 

Porträts

Martin Zehrer 

Autor, Verlagsgründer, Lehrer aus Jettenbach

„Ich war als Kind  ein Träumer und dachte mir schöne Geschichten aus.“

 




Lieber Martin, bist Du eigentlich ein Ur-Jettenbacher? Wo sind Deine Wurzeln?

Nein, ich bin in Kraiburg am Inn geboren, und habe bis zu meinem 10. Lebensjahr im Schulhaus von Grünthal gewohnt.

Erst dann ist unsere Familie in das neugebaute Haus in der Köllerersiedlung gezogen. Ich habe mich riesig gefreut, ein eigenes Zimmer zu bekommen und habe schon im Rohbau des Hauses glücklich in meinem künftigen Zimmer vor mich hingesungen.

Wie war das Aufwachsen in Jettenbach? Wo bist Du in die Schule gegangen? Wie bist Du als Jugendlicher in die Musik und in die Literatur hineingewachsen?

Das erste Schuljahr habe ich in Babensham verbracht. Ja, die Grünthaler Kinder mussten damals nach Babensham, obwohl Kraiburg näher gewesen wäre. Irgendwelche Zwistigkeiten zwischen den Gemeinden hat offenbar dazu geführt. Ich habe traumatische Erinnerungen an das erste Schuljahr. Ich will keine Namen nennen, doch ich hatte eine schreckliche Lehrerin, die so gar nichts von dem hatte, was meine warmherzige und liebevolle Mutter auszeichnete. Von der zweiten bis zur fünften Klasse durfte ich als Gastschüler mit meinem Vater nach Kraiburg in die Schule, der dort Lehrer war.

Liebe Ulrike, du fragst nach meinem Hineinwachsen in die Literatur. Nun, das gestaltete sich bei mir mehr als holprig. Ich hatte nämlich eine ausgeprägte Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Mein lieber Vater hat sich Zeit genommen, um mit mir zu lesen. Wenn ich mich zurückerinnere, waren dies schöne und innige Momente mit meinem Vater. Trotz meiner Lese-Rechtschreib-Schwäche schaffte ich den Sprung aufs Gymnasium. Ich kam an die Zweigstelle des Rupertigymnasiums in Waldkraiburg. (Heute ist es ein eigenständiges Gymnasium). Damals nahm niemand Rücksicht auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. So war die Note der ersten Deutschschulaufgabe 5. Und in der zweiten bekam ich ebenfalls eine 5 und in der dritten auch eine 5, allerdings eine 5+. „Von da an ging es aufwärts“ sage ich oft scherzhaft.

In der Zweigstelle des Rupertigymnasiums ging der Unterricht nur bis zur 10. Jahrgangsstufe. Gerne wäre ich danach wie meine Schwestern auch nach Gars aufs Gymnasium gegangen, doch dort gab es noch keinen naturwissenschaftlichen Zweig. So musste ich noch ein Jahr mit dem Zug nach Mühldorf an das dortige Rupertigymnasium fahren. Ein Schuljahr kam ich so in den Genuss einer Kuriosität der Deutschen Bahn. Da Statiker Zweifel an der Statik der alten Jettenbacher Eisenbahnbrücke hatten, hielt der Zug kurz vor der Brücke. Alle mussten aussteigen, um die Brücke zu Fuß zu überqueren. Dann stiegen sie in den auf der anderen Seite wartenden Zug ein und die Fahrt wurde fortgesetzt. Die 12. und 13. Klasse absolvierte ich jedoch am Gymnasium Gars, wo ich auch Abitur machte.

Wann hast Du zu schreiben begonnen? Was hat Dich dazu gebracht?

Als Teenager habe ich Tagebuch geschrieben. Ich war eher ein Einzelgänger und Träumer und dachte mir schöne Geschichten aus. Ich war wohl in der 7. Klasse, als mir meine zwei Jahre ältere Schwester Angelika, ihre Schullektüre zu lesen gab. Es war das „Tagebuch der Anne Frank“.

Ich war sonst nicht der große Bücherleser, doch dieses Buch hat mich damals in den Bann gezogen. Es war sehr spannend, das Tagebuch dieses Mädchens, in meinem Alter zu lesen. Unsere Eltern hatten uns schon früh über die Verbrechen der Nazis während des 3. Reichs aufgeklärt. So wusste ich, dass es um Leben und Tod ging als sich die Familie Frank in einem Hinterhaus in Amsterdam versteckten mussten. Umso schockierter war ich über den Schluss des Buches. Dort hieß es, dass jemand die Franks verraten hatte, und die ganze Familie, bis auf den Vater, im Konzentrationslager ums Leben kam.

Mich hat dieses Buch seelisch umgehauen. Ich war total am Boden und konnte es einfach nicht fassen, dass diese Anne sterben musste, nur weil sie Jüdin war. Ich begann, mir Versteckpläne auszudenken, die es der Familie Frank vielleicht ermöglicht hätten zu überleben. Ich fasste schon damals den festen Einschluss, ein Buch mit einer ähnlichen Thematik zu schreiben, das jedoch einen guten Ausgang nehmen sollte, doch über ein paar handgeschriebene Seiten bin ich nie hinausgekommen.

Was war Dein erstes Werk?

Mein erstes Werk war tatsächlich „Als Herr Weimar starb“, das Buch das ich schon als Teenager unbedingt schreiben wollte.

Wann hast Du „Als Herr Weimar starb“ geschrieben?

Ja, wie das so ist mit Teenager-Träumen. Erst ist da die Schule, dann Abitur, Studium in Regensburg, Referendariat, erste Lehrerstelle am St. Benno-Gymnasium Dresden, Hochzeit …

Und der Traum von damals verblasste immer mehr. Doch dann kam mir ein Zufall zu Hilfe. Meine Frau Reglindis bekam ein Forschungsstipendium für zwei Jahre an der University Otago in Neuseeland. Ich konnte mich für diesen Zeitraum vom Schuldienst befreien lassen und meine Frau nach Neuseeland begleiten. Plötzlich hatte ich jede Menge freie Zeit. Da erinnerte ich mich, dass ich doch schon immer ein Buch über eine jüdische Familie im Dritten Reich schreiben wollte, die sich verstecken muss, aber nicht wie die Familie Frank im Konzentrationslager umkommt.

Ich sagte mir: „Wenn ich das Buch nicht jetzt schreibe, dann schreibe ich es nie mehr!“ Und so entstand die Rohfassung meines ersten Romans während unseres Neuseelandaufenthalts von 1998 bis 2000.

Kannst Du das Buch kurz beschreiben?

Martin Zehrer nimmt in diesem Buch den Leser auf eine Zeitreise in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte mit. Besonders Jugendlichen möchte er mit diesem Roman die schrecklichen Ereignisse während des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 näher bringen, ohne sie in lähmender Trauer zurückzulassen. Vielmehr soll der Mut zur Zivilcourage geweckt werden, damit sich die furchtbaren Ereignisse von damals niemals wiederholen. 

Der fast sechsjährige David Lodenstein ist davon überzeugt, dass 1933 ein gutes Jahr wird. Bis dahin hat er mit seiner Schwester Rebekka und seinen Eltern eine glückliche Kindheit in einem kleinen Vorort von Regensburg verbracht. Doch am 30. Januar ergreifen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland, und damit beginnt die heile Welt von David und seiner Familie immer mehr zu zerbrechen. Die Lodensteins sind nämlich Juden und werden deshalb immer mehr gemieden, schikaniert und bedroht. Schließlich fliehen sie in Todesangst vor der Gestapo, doch eine mutige Nachbarsfamilie versteckt sie… (Buchrückentext Fidelis-Verlag, ISBN 978-3-944644-00-4)                 

 Das ist einfach der Text vom Buchrücken. Ich habe das Buch später im Eigenverlag herausgebracht – eigentlich müsste ich sagen „herausbringen müssen“. Doch das ist eine Geschichte für sich.

War Dir beim Schreiben bewusst, dass es hier vor der Haustür, an der Ortsgrenze von Jettenbach ein KZ-Außenlager gegeben hat?

Oh Gott, nein! Zwischen 1973 und 1975 war die heiße Bauphase für unser Haus in der Köllerersiedlung. Es war eine herrliche Zeit. Unsere Eltern waren froh, wenn wir ihnen nicht in die Quere kamen, und so zogen wir Zehrer-Kinder herum und erkundeten die Gegend rund um Jettenbach. Ich erinnere mich noch genau, wie wir dabei einmal zufällig Bauruinen mitten im Wald zwischen Grafengars und Mittergars fanden. Wir hatten aber keine Ahnung, dass es sich dabei um die Überreste eines KZ-Außenlagers handelt. Gefragt haben wir aber auch nicht, wir haben uns nur gewundert, was das mitten im Wald soll.

Du hast auch einen Verlag gegründet. Was ist der Hintergrund? Was verlegst Du?

Ich wollte eigentlich keinen Eigenverlag gründen, sondern ich musste eher. Wie gesagt, das Buch „Als Herr Weimar starb“ erschien 2005 nach langer Verlagssuche im Auer-Verlag, einem kleinem Schulbuchverlag, der es unter der Rubrik „Lesefutter zum kleinen Preis“ herausbrachte.

2011 wurde der Auer-Verlag jedoch vom Ernst-Klett-Schulbuchverlag übernommen. Der hatte jedoch kein Interesse an dem „Lesefutter zum kleinen Preis“, weil es vermutlich zu wenig Gewinn abwarf. So erhielten alle Autoren, die in dieser Sparte veröffentlich hatten, die Rechte an ihren Büchern zurück und ich lernte ein neues Wort, nämlich „Remission“, kennen, was nichts anderes bedeutet hätte, als dass sie den Restbestand meiner Bücher beim Auer-Verlag vernichtet hätten, wenn ich sie nicht zum Produktionspreis abgekauft hätte. So habe ich noch 3 bis 4 Kisten mit der Erstausgabe von „Als Herr Weimar starb“. Ich konnte einfach nicht anders. Die Vernichtung von Büchern hat mich einfach zu stark an die Bücherverbrennung 1933 erinnert.

Ach ja, du fragst auch, was ich sonst noch so in meinem Verlag verlege. Da triffst du einen wunden Punkt. Denn die Geschäfte des Fidentia-Verlags laufen schlecht. Bisher sind erst 5 Bücher erschienen, zwei von mir, drei von Ute Heymann, die ebenfalls unter der Rubrik „Lesefutter zum kleinen Preis“ im Auer-Verlag veröffentlicht hatte.

Dabei hätte ich neben meinem zweiten Buch, „Das uralte Geheimnis der Roten Feder“, bereits sieben weitere konkrete Ideen für ein weiteres Buch. Doch der Mut hat mich inzwischen verlassen, obwohl „Fidentia“ das lateinische Wort für Mut und Zuversicht ist. Ich verkaufe einfach nichts und mein Verlag macht leider nur Verluste.  

Die Literatur ist eine Facette Deines Lebens. Die andere ist die Pädagogik. Was unterrichtest Du?

Ich unterrichte Biologie und Chemie am Gymnasium Gars. Zurzeit allerdings nur Biologie. Aber das ist mir ganz recht, weil ich das eh für das interessantere Fach halte.

Außerdem hat die Musik, hat das Singen in Deinem Leben immer eine große Rolle gespielt und Dich sogar mit Deiner Frau zusammengeführt. Welchen Stellenwert nimmt die Musik bei Dir/bei Euch in der Familie ein?

Wir haben schon immer zu Hause gesungen. Unsere Eltern haben uns viele Volkslieder beigebracht, z.B. „Hoch auf dem gelben Wagen“ oder „Am Brunnen vor dem Tore“ … von Lied „Der Mond ist aufgegangen“, kann ich noch heute alle Strophen. Bei einer siebenköpfigen Familie kann man auch schön im Kanon singen. Auf langen Autofahrten schmetterte die ganze Familie mehrstimmig „Theo, spann den Wagen an ...“ oder „Froh zu sein, bedarf es wenig.“ Unser Vater konnte auch Gitarre spielen und hat es uns Kinder beigebracht. Ich bin aber über das Schrumpeln von ein paar Akkorden nie hinausgekommen.

Sehr gerne sang ich später auch im Garser Gospeltrain. Leider musste ich das aufgeben, als ich die Lehrerstelle in Dresden antrat. Der Weg zu den Chorproben war einfach zu weit. Und die Straßen von Dresden nach Chemnitz und von Chemnitz nach Hof konnte man so kurz nach der Wende wahrlich nicht als Autobahn bezeichnen. Mein Rekord für die Fahrt von Dresden nach Hause lag glaube ich bei 11 Stunden. Ja, traurig, kein Gospeltain mehr! Doch da ging ich einmal zufällig in einem ökumenischen Gottesdienst in Dresden, der vom Chor der katholischen Hochschulgemeinde musikalisch gestaltet wurde. Ich war begeistert und habe deshalb den Chorleiter hierher einfach gefragt, ob er noch einen Tenor brauchen könnte. Und so kam ich in den Chor der katholischen Hochschulgemeinde Dresden, obwohl ich eigentlich kein Student mehr war.

Und im Alt sang ein hübsches Mädchen, das beim Friedensgruß so bezaubernd lächelte, wenn sie den anderen die Hand reichte … Oft hadert man ja mit seinem Schicksal. Auch ich bedauerte es anfangs sehr, dass ich nach dem Referendariat keine Stelle in Bayern bekommen hatte und in das ferne Dresden verschlagen wurde, wo die Menschen einen so „furchtbaren Dialekt“ sprechen. Doch siehe da, die Stelle in Dresden stellte sich schließlich als Glücksfall heraus, denn nur so habe ich meine liebe Reglindis kennengelernt, die ich 1998 geheiratet habe.

 Was würdest Du Dir in kultureller Beziehung in Jettenbach wünschen?

Da fällt mir gerade gar nichts ein. Es wäre halt schön, wenn der Kirchenchor Jettenbach-Mittergars jüngere Mitglieder bekommen würde. Das Durchschnittsalter der Chormitglieder dürfte bei rund 70 Jahren liegen.